Wer schon einmal die Sammelschublade einer Clesana-Toilette nach vier Tagen Tour im Campervan aufgezogen hat, kennt das irritierende Erlebnis: nichts. Kein Schwall, der einen wegrücken lässt. Kein Reflex, den Atem anzuhalten. Die versiegelten Beutel liegen aufgereiht wie Vakuum-Steaks aus der Supermarkt-Theke – matt, glatt, vollkommen geruchlos. Genau in diesem „Nichts“ steckt die eigentliche Leistung des gesamten Clesana-Systems. Sie heißt Hochbarriere-Folienliner – und sie ist das Ergebnis von vielen Jahren Entwicklungsarbeit.
Die Folie ist die unsichtbare Hauptdarstellerin des Schweizer Sanitärsystems. Ohne sie funktioniert nichts. Die patentierte Schweißmechanik der C1 und der mobilen X1 wäre nur eine hübsche Maschine ohne Daseinsberechtigung, wenn die Folie das Niveau eines normalen Müllbeutels hätte. Für alle, die den Campervan als autarkes Basislager für Bikepacking- und Graveltouren nutzen – Fahrrad auf die Anhängerkupplung, Van irgendwo frei stehen lassen, dann mit dem Rad los – macht diese Folie den Unterschied zwischen einem angenehmen mobilen Zuhause und einem Stinkemobil, das nach drei Tagen komplett durchgelüftet werden muss.
Gerüche, Feuchtigkeit – nichts darf hindurchdringen
Was diese Folie leisten muss, liest sich wie ein Pflichtenheft mit eingebauten Gemeinheiten. Sie muss Gerüche absolut zurückhalten – dauerhaft, nicht nur in den ersten Stunden nach dem Toilettengang. Sie darf keine Feuchtigkeit durchlassen, sonst würde die Sammelschublade im Heck der Toilette zur Schimmelfarm. Sie muss mechanisch belastbar sein: gegen Kanten, gegen Erschütterungen auf der Schotterpiste zum Trailhead, gegen das grobe Handling im Restmüllsack im Hauseingang nach der Bike-Reise. Und sie muss bei extrem präzisen Temperaturen verschweißbar sein, weil das Clesana-Verfahren auf Thermo-Druck-Versiegelung basiert: zu kalt, der Beutel öffnet sich wieder; zu heiß, das Material schmilzt durch. Dazu kommen medizinische Hygienestandards, denn die Technologie stammt ursprünglich aus dem Krankenhausbereich.
Diese Vorgeschichte erklärt, warum Clesana ab 2009 in Schweizer Kliniken seine ersten Praxiserfahrungen sammelte. Es ging nie nur um Wohnmobile oder Campervans als Basislager für Radabenteuer. Es ging um den Schutz von Gewässern vor Pharma-Rückständen, um Toilettenlösungen direkt am Patientenbett, um Hygiene unter Reinraum-Bedingungen. Die Folie musste mit Zytostatika-Spuren, Antibiotika und Hormonrückständen klarkommen, ohne dass Stoffe nach außen dringen. Die mobile Sanitärlösung im Camper, der irgendwo am Pass steht, während die Crew mit dem Gravelbike unterwegs ist, ist – so paradox es klingt – eine Spin-off-Anwendung dieser klinischen Anforderungen.
Mehrere Phasen der Entwicklung und des Erfolgs

Die Entwicklung der Hochbarriere-Folie zerfällt in drei Phasen, an denen sich der Aufwand gut ablesen lässt. Phase eins, von 2009 bis etwa 2015, war ausgesprochen pragmatisch. Das Team arbeitete mit petrochemischen Folien, weil pflanzliche Materialien damals schlicht nicht leistungsfähig genug waren. Funktion vor Ideologie. In dieser Zeit entstanden die ersten Beutel, die der Verschweißung standhielten und ihre Aufgabe zuverlässig erfüllten – die Grundlage dafür, dass Campervans überhaupt als hygienisches Basislager für mehrtägige Radtouren taugen.
Phase zwei startete ab 2018 mit der systematischen Suche nach Bio-Alternativen. Die Liste der getesteten Substanzen liest sich wie ein Lehrbuch der nachwachsenden Rohstoffe: Lignin aus Holzfasern, Talk als Mineralfüller, Naturwachse, pflanzliche Harze. Viele Ansätze scheiterten an genau den Anforderungen, die Reisende am Stellplatz nicht sehen, aber beim Öffnen der Schublade sofort bemerken würden. Eine biobasierte Folie war oft gut schweißbar, aber nicht geruchsdicht. Eine andere war geruchsdicht, zerbrach aber bei Feuchtigkeit. Eine dritte hielt mechanisch, schmolz jedoch bei Sommertemperaturen im Heck eines schwarzen Sprinters, der am Startpunkt einer langen Rennradrunde parkt.
Der Durchbruch kam zwischen 2021 und 2024 mit einer Materialkombination, die alle Kriterien gleichzeitig erfüllt: biobasiert, recyclingfähig, hochbarrierig, schweißbar, temperaturstabil. Welche exakte Rezeptur dahinter steckt, verrät Clesana nicht – Wettbewerbsgründe. Bekannt ist nur: Die Bio-Variante besteht überwiegend aus pflanzlichen Rohstoffen und einem Anteil recyceltem Kunststoff. Mehr Details bleiben im Labor; für alle, die den Camper als mobilen Stützpunkt für Bike-Abenteuer nutzen, zählt vor allem das Ergebnis im Alltag.
Nicht behaupten, sondern beweisen (lassen)
2025 folgten die Prüfungen, die in der Branche Gewicht haben. Das Fraunhofer-Institut testete die Sauerstoff- und Feuchtigkeitsbarriere – mit besseren Werten als bei der klassischen Folie. Der TÜV Rheinland zertifizierte die Bio-Variante nach den geltenden DIN-Standards. Mitte 2025 startete die Serienproduktion: zunächst für den Caravaning-Markt, später auch für Klinik, Pflege und Katastrophenhilfe.
Eine Klarstellung gehört zur Bio-Folie zwingend dazu, denn hier lauert das größte Missverständnisrisiko. Biobasiert bedeutet nicht kompostierbar. Wer den Folienliner auf den Komposthaufen wirft, riskiert genau das, was die Folie eigentlich verhindern soll: dass der Inhalt austritt. Die Hygieneanforderung verlangt, dass der Beutel über lange Zeiträume dicht bleibt – in der Schublade, im Mülleimer, im Müllwagen, auf der Deponie. Eine sich zersetzende Folie wäre im Wohnmobil-Heck nach drei Wochen Italien-Tour mit täglich neuen Bike-Runden ein echtes Risiko. Bio bezieht sich auf die Herkunft der Rohstoffe, nicht auf die Abbaubarkeit.
Camper sind begeistert

Im Camper-Alltag entsteht daraus ein technischer Vorsprung, der sich für Reisende in echte Freiheit übersetzt. Ein Liner reicht im C1 für rund 36 Toilettengänge, im mobilen X1 für etwa 40 Versiegelungen. Eine Bike-Crew oder Familie kann mit einem Liner mehrere Tage autark unterwegs sein, den Van als feste Basis am See, am Pass oder am Trailhead stehen lassen und jeden Tag neue Runden mit dem Fahrrad drehen, ohne sich Gedanken über die nächste Entsorgungsstation machen zu müssen. Die versiegelten Beutel landen am Ende der Tour einfach im Restmüll. Kein Wartebereich an der Dump-Station, kein Kontakt mit Schwarzwasser, kein nachschwellender Eigengeruch, wenn die Türen nach der Ausfahrt mit dem Gravelbike wieder aufgehen.
Der Vergleich zu klassischen Lösungen zeigt das sehr deutlich. Eine Chemie-Kassette beginnt durch ihren Kunststoffkorpus schnell zu müffeln, sobald sie ein paar warme Tage hinter sich hat und die Dosierung der Chemie nicht exakt passte. Eine Trockentrenntoilette braucht Streu, Vorrat, eine zweite Behälterführung für den Feststoff und eine Lösung für den Urintank. Beides ist in sensiblen Naturregionen – von skandinavischen Schärengärten bis zu alpinen Schutzgebieten, wo viele mit dem Mountainbike unterwegs sind – ungefähr so gern gesehen wie ein hörbar undichter Auspuff: gar nicht. Die Hochbarriere-Folie entschärft diesen Konfliktpunkt: nichts tritt aus, nichts riecht, nichts gelangt in Boden oder Gewässer. Der Campervan bleibt ein sauberes, akzeptiertes Basislager für Radreisen.
Raus in die Welt, aber der Komfort und die Hygiene kommt mit

Wer im Sommer mit dem Camper an die Küste der südfranzösischen Sonne fährt, die Bikes auf der Anhängerkupplung, und den Van als Basislager für schweißtreibende Rennrad- oder Gravelrunden nutzt, weiß: Jede Toilettenlösung bekommt dort ihre Hitzebelastungsprobe. Eine Trockentrenntoilette kann zu gären beginnen. Eine Chemiekassette setzt Gase frei. Die Verschweißtechnik mit Hochbarriere-Folie behält ihre Eigenschaften auch dann, wenn sich der schwarze Innenraum des Fahrzeugs auf 50 Grad aufheizt. Genau für solche Szenarien wurde sie entwickelt. Genau dafür hat das Schweizer Team über Jahre immer neue Materialkombinationen durch Tests geschickt.
Die Folie bleibt dabei die unsichtbare Hauptdarstellerin. Sie kostet nur wenige Euro pro Liner, je nach Bezugsweg, und löst ein Problem, das jede Vanlife-Crew, die mit dem Rad unterwegs ist, und jede Wohnmobil-Familie kennt: wie man autark bleibt, ohne Kompromisse bei Hygiene und Geruch machen zu müssen. Viele Jahre Entwicklung „nur“ für ein Stück Folie klingen nach Übertreibung. Aber wer nach vier Tagen intensiver Bike-Touren seine Camper-Schublade öffnet, ohne Würgereflex, während draußen die Räder schon für die nächste Runde bereitstehen, weiß: Kein einziger dieser Entwicklungstage war überflüssig.




